Rankweiler Homelie über Hoffnung
Lesung aus Charles Péguys Langgedicht vom Geheimnis der Hoffnung (Le Porche du Mystère de la Deuxième Vertu, Lesung bei der Fastenpredigt am 1. März 2026 in Rankweil / p.646 sq, Pléiade)
Schaut sie euch an, die Kleine, sagt Gott, wie sie läuft.
Am liebsten würde sie seilhüpfen bei einer Prozession.
Würde Schritt für Schritt gehen und dabei seilspringen, irgendwie.
So glücklich ist sie
(Als einzige von allen)
So sicher, dass sie nie müde werden wird.
Kinder marschieren drauflos, ganz wie kleine Hunde.
(Sie spielen übrigens auch wie kleine Hunde).
Wenn ein kleiner Hund mit seinem Herrn, mit seiner Herrin spaziert
Läuft er weg, kehrt er zurück. Läuft er voraus, kommt er wieder.
Macht den Weg zwanzig Mal.
Zwanzigmal die Strecke.
Denn er geht nirgendwo hin.
Sein Herr, seine Herrin geht irgendwo hin.
Er nicht.
Ihn interessiert der Weg, nichts sonst.
So ähnlich wie Kinder.
Wenn man sich mit seinen Kindern auf den Weg macht
Etwas erledigen
Oder in die Messe geht, oder zur Fastenpredigt mit seinen Kindern
Oder zum Segen
Oder zwischen Messe und Vesper spazieren mit seinen Kindern
Dann trotten sie vor einem her wie kleine Hunde.
Vor und zurück gehen sie, kommen sie. Haben es lustig. Hüpfen.
Laufen die Strecke zwanzigmal.
Denn sie gehen tatsächlich nirgendwo hin.
Irgendwo hinzugehen interessiert sie nicht.
Sie gehen nirgends hin.
Die Erwachsene gehen irgendwo hin
Der Erwachsenen mit ihrem Glauben, mit ihrer Liebe.
Die Eltern gehen irgendwo hin.
In die Messe, zur Fastenpredigt, zum Segen.
An den Fluss, in den Wald.
Auf das Feld, zu den Bäumen, zur Arbeit.
Sie strengen sich an, arbeiten an sich um irgendwo hin zu gehen
Oder sie gehen spazieren irgendwo.
Aber die Kinder interessiert das nicht, sie interessiert nur der Weg.
Nur das Kommen und Gehen, Hüpfen. Den Weg nützen mit ihren Beinen.
Nie genug davon haben. Und spüren, wie die Beine dabei wachsen.
Sie trinken den Weg. Sie sind durstig nach Weg. Sie können nie genug davon haben.
Sie sind stärker als der Weg, stärker als die Müdigkeit.
Sie können nie genug davon haben (So ist es auch mit der Hoffnung) Sie sind schneller als der Weg.
Sie gehen nicht, sie laufen nicht, damit sie ankommen. Sie kommen an, damit sie laufen. Sie kommen an, damit sie gehen. So ist auch die Hoff-nung. Sie halten nicht haus mit ihren Schritten, sie kämen gar nicht auf die Idee
Mit etwas hauszuhalten, was immer es sei.
Haushalten tun die Erwachsenen.
Ach ja, sie müssen wohl. Aber das Kind Hoffnung
Haushaltet mit nichts, spart nie.
Eltern halten haus. Traurige Tugend, gut nur, wenn sie für sich keine Tugend daraus machen.
Sie müssen wohl. Wie standfest auch mein Sohn sein mag, sagt Gott, der Glaube,
Hart wie ein Fels, wohl oder übel muss er seine Kräfte schonen.
Mag meine Tochter,sagt Gott, die Nächstenliebe, noch so glühen
Brennen wie ein schönes Feuer
Im Kamin, das den Armen wärmt
Den Armen und das Kind und den Verhungernden,
Sie muss haushalten mit ihren Kräften.
Einzig das Mädchen, das Kind, die Hoffnung,
Das kleine Mädchen Hoffnung haushaltet nie und mit nichts.
Homelie am zweiten Fastensonntag
In einer Kirche erwartet man als Lesung eine Bibelstelle. Bei dem Ausschnitt aus Péguys wie tastendem Langgedicht über das Geheimnis der Hoffnung 1 war sie vorausgesetzt. Jede und jeder hier kennt wohl das Wort aus dem ersten Brief, den Paulus nach Korinth geschickt hat: „Was bleibt, sind Glauben, Hoffnung, Liebe, diese drei“ (1 Kor 13). Heute in Rankweil am zweiten Sonntag der Fastenzeit 2026 geht es darum, für Pilgernde, für uns Menschen unterwegs - ohne Vereinnahmung sei das Wir verwendet - dem abgenutzten Wort „Hoffnung“ (denn es ist abgenützt, jede und jeder kennt den ach so klugen und populären Spruch „Die Hoffnung stirbt zuletzt“), der Hoffnung ihr Geheimnis, dem Wort seinen Sinn, seine Bedeutung wieder neu zu geben. Hoffen wir, es gelingt.
Darf ich mich nach dem Spaziergang des Dichters, der dem Mädchen Hoffnung kaum nachkommt mit seinen freien Rhythmen (was für ein Theologe ist doch Péguy!) dem Mysterium ‘Hoffnung“ von einer anderen Seite nähern?
Als ich nach Vorarlberg kam und zum ersten Mal nach Hohenems, war das jüdische Viertel dort am Verfallen nach den schlimmen Jahren, die fortdauerten über 1945 hinaus; die Synagoge diente als Feuerwehrdepot. Heute ist das Viertel ein Juwel, achtsam erneuert und mit Leben erfüllt. U. a. hat man bei der Erneuerung (unter den Dielen einer Schmiede, wenn ich mich nicht täusche), das Bad wieder freigelegt, in das jeder Jude entsprechend der Tradition eintaucht am Shabbat (Frauen nicht, sie waren auch im Judentum nur mitgemeint). So ein Tauch-, so ein Tauf-Bad heißt auf iwrit MIQWEH.
Jüngst habe ich mit meinem bisschen Bibelhebräisch und Wörterbuch Jeremia gelesen. Da steht : ki rabu mishuvteinu / lecha hata:anu / MIQWEH israel meschi:u be:at zara. Zu deutsch etwa: „Oft/Vielmals haben wir uns abgewandt/rebelliert, / an dir - gegen dich uns vergangen ; / aber du bist und bleibst doch die HOFFNUNG Israels, seine Rettung in der Zeit der Not“ (Jer 14,8 u.ö.).
Miqweh Israel (gemeint ist das Israel der Verheißung, gemeint sind die, die Verheißung hören hören, gemeint sind wir alle): Für das Wasser, in das ich eintauche, aus dem das Leben kommt - „der Geist Gottes schwebte über den Wassern“ (Gen 1,2) - für unser geweihtes Wasser der Taufe ——- und für die Hoffnung, ja für Gott: Ein und dasselbe Wort!
Du Hoffnung, du Heilbad und Quell, du miqweh! - - Sollte Hoffnung mehr sein, als das, was zuletzt stirbt, was man landläufig darunter versteht; mehr als Erwartung, mehr als das erwünschte gute, aber unsichere Ende, als die bis zum (manchmal bitteren) Schluss genährte Illusion, mehr als Wunschtraum und zähes Hirngespinst? - Sollte es umgekehrt sein: Hoffnung ist das, was mich leben lässt, lebendig macht, Ursprung und Bad, miqweh der Erneuerung. Und nicht das, was ich mir im Traum oder sonstwie zurechtmache, -zimmere, ausdenke, was ich mache.2 Hoffnung also nicht das, was wir uns MACHEN, sondern vielmehr das, was uns AUSMACHT.
Manchmal wissen wir es wohl alle: Wer lebt, hofft. (Lateiner sagen: Dum spiro spero, solange ich atme, hoffe ich.) Kein Mensch kann leben ohne Hoffnung.
Und dass ich hoffe, hat einen Grund. Oder hoffen wir ins Blaue?
Was lässt das Mädchen Hoffnung laufen, springen, hüpfen ohne hauszuhalten mit ihren Kräften? Immer wieder von vorn? Immer wieder ein Jahr anfangen, immer wieder fasten, feiern, immer wieder aufstehen, auch aus dem Krankenbett, auch nach Enttäuschung, immer wieder Verantwortung übernehmen, als ob es nicht schlimmer stünde denn je um die Welt, immer wieder vergeben, vergessen, abschweifen, immer wieder in eine Beziehung treten, auch als Verlassene, lieben, Kinder zeugen, auch wenn man sie beerdigen muss und vielleicht nicht einmal das darf, siehe Iran in den schlimmen Wochen im Jänner, die nun wiederkommen, wie es scheint. Immer wieder den Kampf um das Überleben aufnehmen, auch wenn der Krieg zum Abnützungskrieg, zum noch nie erlebten Drohnen- und Internetkrieg geworden ist, un-menschlicher denn je. Immer wieder singen, immer wieder arbeiten, immer neu Atem schöpfen bis zum letzten Atemzug – kurz: HOFFEN.
Nuntius Roncalli, der spätere Konzilspapst, der nie ein großer Theologe hat sein wollen, aber hellwach bis zum Tod (Magenkrebs), Kirchenhistoriker und geschätzter Diplomat, hatte 1952 vor der kaum gegründeten UNESCO zu reden. Da sagte er Folgendes: // „Die Geschichte ist nicht dazu da, dass wir sie erleiden und uns von ihr umwerfen lassen, sondern um sie zu lenken und dem Heil entgegenzuführen, nicht aber dem Schiffbruch der Welt.“ ://3
Niemand kann Ziel und Ende der Geschichte angeben – wie oft haben wir erlebt und erleben es heute, dass zu schlimmsten Gräueln führt, wer der Geschichte seine noch so hehren Ziele vorgibt/ vorschreibt, ob klassenlose oder Wohlstandsgesellschaft, Nationalstaat, Imperium, Gottesstaat oder was immer (natürlich stets in Verbindung mit der eigenen Macht).
Das Ende der Geschichte kennen wir nicht. So wenig wie unser eigenes. Das Ende zu kennen wäre un-menschlich (Jesus schärft das immer wieder ein). Aber es gibt etwas, das uns leben und streben, hoffen lässt. Es gibt Verheißung. Etwas in uns, außer uns, wo immer, das dem Nachdenkenden sagt: Die Geschichte der Menschheit, ja mehr noch, die immer besser erforschte Natur mitsamt dem „rätselhaften Geschenk des Lebens“4 , mehr noch, der immer genauer bekannte Kosmos geht nicht ins Leere. Dein Leben mag ein Rätsel sein, aber es geht nicht ins Leere. Das spürt man, das sagt einem jeder Atemzug. Es muss nicht bewiesen werden, so wenig wie der Atem. Beweise, Klugheit, Wissen, das alles kommt lang nach dem Atem, der ein Wunder ist. Leben, dieses Wunder, gutes Auskommen aller miteinander, gerechter Friede ist möglich, sagt die Verheißung. Trotz des abnehmenden Golfstroms, der bröckelnden Antarktis, der auftauenden Permafroststeppen, sagt die Verheißung: Die Erde als Ganzes besteht weiter; ich hoffe - wir hoffen - , dass Gottes Welt nicht definitiv Schaden leidet trotz Hiroshima, Auschwitz, Darfur, Mariupol, Bataclan, Gaza, trotz Terror und Krieg um den Drogenmarkt, Rüstungs- und Konsumwahnsinn; wir haben die Hoffnung dass der Wahnsinn innerhalb der Menschheit nicht überhand nimmt, dass es nicht gelingen wird, Gottes Schöpfung zu zerstören trotz Autoschlangen, Kinderpornos und KI. Wir haben Hoffnung.
Hoffnung kann ausgenützt werden und wird es auch, kaltblütig, kurzsichtig, gewiss. So wie gar alles ausgenützt werden kann: Wir sind Menschen, Wissende, daher zum Ausnützen, zum Missbrauch, zur Sabotage fähig.
Aber was wäre die wandernde Familie ohne das Mädchen Hoffnung? Was wären wir in den Wellentälern und Wellenbergen des Weltgeschehens ohne den Leuchtturm der Verheißung?
Kein Mensch kann leben ohne Verheißung.
Abraham, wir haben es am Vormittag gehört, lebt laut Bibel in Ur in Chaldäa, im Schatten der Ziqqurat, des gewaltigen Stufentempels. Und Abraham lässt das fruchtbare Zwischenstromland hinter sich, wo es selbstverständlich ist, dass beim Tod des Fürsten / des Herzogs / des Königs 74 Menschen getötet und mit ihm ins Grab gelegt werden, 68 Frauen und 6 Soldaten. Abraham verlässt den Ameisenstaat. Er macht sich auf ins Unbekannte, in Gefahr und Unsicherheit - und ausgerechnet Abraham wird selig gepriesen, geradezu zum Symbol, zu einem anderen Wort für friedliches, ja paradiesisches Leben „in Abrahams Schoß“ eben: Abraham hat der Verheißung getraut, ist ihr gefolgt, der Verheißung, dass der Mensch nicht des Menschen Wolf, dass kein Mensch des anderen Opfer sein darf, unter welchem Vorwand immer. Wer solcher Verheißung folgt und an ihr festhält, wird Mensch. Wie Abraham erfährt freilich auch Angst und Schrecken, wer an der Hoffnung festhält.
Wie Abraham als Einzelner, so Moshe mit dem ganzen Volk.5
Und wie Moshe Jesus, über den hier wohl am wenigsten geredet werden muss. Er hat die Verheißung zu Herzen genommen wie keiner: Gott ist die Liebe. Durch ihn wird die Verheißung, die von Gott kommt, die Gott ist, ausgeweitet über den Einzelnen, über das eine Volk hinaus auf alle.
Jesus war von Hoffnung erfüllt auch über den vorhergesehenen eigenen elenden Tod hinaus. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass er den Zeugnissen nach vom ersten Tag an einerseits gesund gemacht hat an Leib und Seele und anderseits vom ersten Tag an andere heranzog, die „Größeres tun“ würden als er6. Seinetwegen sind wir hier, hoffen wir, lieben wir auch weiter – auch die Kirche, trotz Bigotterie, Vertuschung, Sklerose, Versteinerung! Sie ist für alle da.
In Zusammenhang mit der staunenswertsten der Jesuserfahrungen, der Aúferstehung 7– es könnte einem der Atem aussetzen: Das Mädchen Hoffnung tanzt über das Grab hinweg – zum Schluss noch etwas. Den erwähnten Angelo Roncalli, Papst später, und noch viel später (nicht subito) sogar offiziell heiliggesprochen, hat der Sekretär beim Rückweg vom Begräbnis der Lieblingsschwester murmeln gehört, es regnete: „Weh uns, wenn alles eine Illusion ist!“ 8
Auch die umfassendste der Verheißungen, die Verheißung der Auferstehung, das Wissen (sozusagen, nur um es nicht mit Gefühl oder Gespür zu verwechseln), dass unsere Leiblichkeit voll Sinn ist, dass Plagen und Krankheit, dass Unrecht und Tod, Unfrieden, Missverständnis, Verzweiflung und Not nicht das Ende sind – auch die Hoffnung ist dem Zweifel ausgesetzt wie alles.
Der Zweifel hat sein Recht, zweifellos. Bei unserem Drang nach Sicherheit, nach Gewöhnung, auch nach Beweisen, ein Drang, der zur falschen Zeit und falsch dosiert tödlich sein kann, braucht es den Zweifel.
Aber was wären wir ohne Hoffnung?
Was wäre die Welt ohne Verheißung?
Kein Mensch kann ohne sie leben.
So ist es.
(01032026)
1 wörtlich: über die ‘Vorhalle des Geheimnisses der (sogenannten) zweiten (göttlichen) Tugend’ - wie das Portal, der Eingangsbereich einer französischen Kathedrale konzipiert, mit seinen Bildern und Statuen
2 Kafka spottet in manchen Parabeln über solche vergebliche ‘Hoffnung’.
3Feinig, Vergessener Gesandter, Salzburg 2004, 36
4 wie das mein kürzlich verstorbener, tatsächlich weiser Lehrer Kurt Jungwirth ausdrückte
5 Er lässt sich nicht einschüchtern von der Macht- und Kulturentfaltung im Großreich Ägypten, mit heutiger vergleichbar. Die Pyramiden, die Mumifizierung, der Pharao-Gott, der Totenkult sind so etwas wie der grandiose und zugleich mörderische Versuch der Verwirklichung des Leitworts: Wie es ist, so soll es bleiben für immer. Menschengemachte Ewigkeit, großartig, aber das Gegenteil von Verheißung, die leben lässt.
6Jo 14,12
7 Deutschschweizer sagen Auferstéhung – das Wort entzieht sich der Banalisierung.
8 ebenda, S. 38